Der schöne Schein wird demontiert
Jana Novak ist ein normaler Teenager: Sie liebt ihre abgerockten Converse-Treter, isst gerne eine Pizza, diejenigen, die sie nicht leiden können, nennen sie Giraffe. Sie findet, das sind Eigenschaften, die niemand groß sehen will. Das aber sieht der Talent-Scout der Firma Prestige-Models ganz anders und ehe Jana sich versieht, dreht sie ihre Runden auf dem Catwalk und wird kopfüber in die Welt der Reichen und Schönen katapultiert. Viele Mädchen würden für diesen Job töten. Viele Mädchen haben aber auch überhaupt keine Ahnung, was in diesem Job alles verlangt wird. Jana muss das alsbald lernen und schnell stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich noch ein Traumjob?
Der innere Zirkel der Modelwelt
Juno Dawson lässt ihre Heldin Jana, die hier als Ich-Erzählerin auftritt, eine wahnwitzige Karriere machen. Von einem Talent-Scout entdeckt avanciert sie in einem atemberaubenden Tempo zum neuen Gesicht der Saison und könnte sich somit zu den glücklichsten Mädchen der Welt zählen – wenn man den Dauer-Anpreisungen der Klum-Sippschaft um das Format „Germanys next Topmodel“ glauben möchte. Jana trifft dabei mit ihrer fotogenen Magerkeit nicht nur ein derzeitiges Schönheitsideal, sondern katapultiert sich insbesondere durch ihre Freundlichkeit in die Medien. Als sie einem gestürzten Model auf dem Laufsteg hilft, findet dieser an und für sich selbstverständliche Akt ein gewaltiges Medienecho. Hier wird bereits klar, welche Maßstäbe in dieser Welt gelten, wenn eine kleine Handreichung dazu angetan ist, Volkes Meinung zum Kochen zu bringen.
Dawson jagt die Heldin durch eine professionelle Modelkarriere. Ist anfangs noch alles bunt, spannend und voller Lichter, verblassen die großen Modestädte wie New York, Paris, Mailand und London nur noch zu reinen Buchstabenkombinationen, die die anzusteuernden Flughäfen widerspiegeln. Jana macht sehr schnell einen riesigen Sprung von einem neugierigen 17jährigen Teenager zu einer frustrierten, erschöpften Erwachsenen, bei der ich das Gefühl hatte, sie sei deutlich erwachsener als ich selbst. Natürlich belastet das auch ihre Beziehung zu ihren Freunden immens und so zeigt sich ein weiterer Nebenaspekt des glamourösen Modeldaseins: Die zunehmende Vereinsamung.
Was es wirklich bedeutet, Teil der Modeindustrie zu sein
Dawson zeigt in ihrem Buch auf, wie heuchlerisch das Gesicht der Modewelt aber auch der allgemeinen Gesellschaft ist. In der Modelagentur werden Kuchen und kalorienreiche Snacks angeboten und die Chefin sitzt daneben und starrt jene mit bösem Blick an, die tatsächlich zugreifen wollen. In der Gesellschaft dagegen wird die Magerkeit und die Vorgaben des Modelgeschäftes gegeißelt – direkt im nächsten Artikel wird allerdings süffisant über ein Ex-Model berichtet, das nun schwanger und mit deutlichen Rundungen seine Freiheit genießt und dem man ein nur schlecht verhehltes „Na, hoffentlich hat’s geschmeckt!“ mit auf den Weg gibt.
Es ist kein freundliches Bild, das geboten wird und schnell wird die Heldin, die nie ein Hehl daraus machte, sich überhaupt nicht für Mode zu interessieren, darin zerrieben. Der persönliche Tiefpunkt ist nicht mit der sich schnell abzeichnenden Tablettensucht oder – so schlimm es auch ist – mit einem sexuellen Missbrauch erreicht, sondern tritt mit dem Punkt ein, an dem Jana selbst beginnt, ihre Mitmenschen danach zu beurteilen, wie sie sie für ihre Ziele verwenden kann und damit selbst mit Füßen tritt.
Bagatellisierung schwerer Vergehen
So spannend und eindringlich Meat Market auch sein mag, so gibt es auch Raum für ein paar Kritikpunkte: Janas Medikamentensucht wird beispielsweise nur als ein kleines Übel dargestellt und damit ähnlich bagatellisiert, wie der sexuell massiv übergriffige Photograph, der von Janas Chefin eher beiläufig als „der böse Junge“ bezeichnet wird. Krass ist manchmal auch die Ausdrucksweise der Beteiligten und so fragte ich mich, ob die Originalsprache nicht teilweise zu hart oder zu wörtlich übersetzt wurde und ob die Ausdrucksweise tatsächlich für 14jährige Leser angemessen ist. Nachteilig ist auch die Erzählperspektive, die natürlich aus der Gedankenwelt der Erzählerin kein Geheimnis macht, aber ihr Umfeld manchmal stark stilisiert und vereinfacht.
Fazit
Juno Dawson schafft es mit ihrem Buch einen als glamourös und erstrebenswert empfundenen Berufsstand und die darin involvierten Models so darzustellen, dass man beim Lesen tiefstes Mitleid empfindet und sich eher fragt, wie es den armen Mädchen ergehen muss, die nicht so einen optimalen Start in das Modeldasein finden. Dieses Buch ist eine Warnung für alle Mädchen, die von der großen Modelkarriere träumen. Denn der große Schein kann allzu oft trügen.
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